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Von Auckland aus brechen wir zunächst Richtung Süden auf. Die Reize des ganz nördlichen Zipfels des Landes (unter anderem die angeblich sehr schöne Koromandel-Halbinsel) lassen wir bewusst außen vor - wenn man nur 23 Tage vor Ort zur Verfügung hat, muss man eben Abstriche machen, sonst läuft man schnell Gefahr, von allem etwas aber nichts richtig gesehen zu haben, und sich dabei vielleicht auch noch unnötigem "Urlaubsstress" auszusetzen.
Grüne Wiesen südlich von Auckland, auf dem Weg nach Waitomo |
Also machen wir uns wie gesagt direkt auf den Weg Richtung Süden auf, zunächst durch wenig spektakuläre Vororte Aucklands, die jedoch mit jedem Kilometer den man hinter sich bringt mehr und mehr sanften Hügeln und Weiden Platz machen. Auf dieser Etappe der Reise fällt es zunächst schwer zu glauben, dass es in Neuseeland über 40 Millionen Schafe gibt - man sieht erstmal fast nur Kühe. Die Landschaft ist nicht wahnsinnig spektakulär, aber schön und zeigt einen ersten Einblick in die eher landwirtschaftlich geprägte Seite Neuseelands. Mit der Zeit werden die Hügel sanfter und hier und da von langen Hecken oder kleinen Wäldern durchbrochen - es kommt für "Herr der Ringe"-Geschädigte stellenweise durchaus ein wenig "Auenland-Feeling" auf.
Am späten morgen kommen wir in Waitomo an. Waitomo selbst ist an sich kein richtiger Ort und definiert sich nur durch die gleichnamigen Höhlen. In der Hauptsaison stellen die Waitomo Caves eine der beliebteren Sehenswürdigkeiten des Nordwestens Neuseelands dar und sind wohl zeitweise ziemlich überlaufen. An einem Oktober morgen ist davon jedoch nichts zu spüren. Nach einer (sehr leckeren) heißen Schokolade mit Marshmallows und einigen Minuten Wartezeit können wir uns der nächsten Gruppe anschließen, die in die Höhlen hinabsteigt. Die Gruppengröße liegt im "niedrigen zweistelligen Bereich", so dass man sich nicht gegenseitig auf die Füße tritt und den durchaus interessanten Ausführungen der Führerin gut folgen kann.
Die Höhlen sind schon für sich genommen recht sehenswert - ein Eindruck zu dem neben der Vielzahl an faszinierenden Felsformationen sicher auch die geschickt platzierte, stimmungsvolle Beleuchtung beiträgt. Nachdem niemand aus der Gruppe das Angebot wahrnimmt in einem der Haupträume - "Cathedral" genannt - musikalisch tätig zu werden (die Akustik soll toll sein und verhalf schon dem einen oder anderen Auftritt, aber auch der jährlichen Weihnachtsmesse der lokalen Gemeinde zum richtigen Klang) kommen wir schließlich zur Hauptattraktion: den Glühwürmchen. Man nimmt Platz in einem Boot, welches von der Führerin an entlang der Höhle gespannten Seilen geführt wird. Dann geht das Licht aus und man findet sich in totaler Stille und Finsternis wieder, die nur von den Tausenden von Glühwürmchen unter der Höhlendecke durchbrochen wird. Das Boot zieht langsam unter den durch die kleinen Tiere erleuchteten Gewölben vorbei und man hört nur das leise Plätschern des Wassers. Es ist ein sehr spektakulärer Anblick, der ein wenig an einen klaren Sternenhimmel voller unbekannter Konstellationen erinnert - nur dass man eben mehr Glühwürmchen als Sterne mit nacktem Auge sehen kann.
Nach einigen Minuten in der Dunkelheit kommt das Boot mit dem Fluss ans Tageslicht. Einen kurzen Gang durch die etwas dschungelartig anmutende Vegetation später kommt man wieder zum Ausgangspunkt zurück.
Aus den Höhlen in die dichte Vegetation der umliegenden Wälder |
Obwohl in einigen Reiseführern als "Touri-Attraktion" verschrien, sind die Waitomo Caves durchaus einen Besuch wert. Wer nicht wie wir außerhalb der Hauptsaison reist, findet angeblich in den Glühwürmchenhöhlen bei Te Anau auf der Südinsel eher die Ruhe, den majestätischen Anblick zu genießen. Eine der beiden Höhlen sollte man sich aber auf jeden Fall anschauen, da man die Glühwürmchen in einer solchen spektakulären Darbietungsform wohl außerhalb Neuseelands nirgendwo vorfinden wird.
Von Waitomo aus geht es für uns erstmal wieder ein Stückchen zurück nach Norden, denn unser nächstes Ziel ist Matamata - der erste "Herr der Ringe"-Drehort auf unserer Route. Auf dem Weg dahin machen wir halt beim "Kiwi House" in Otorohanga. Dort haben wir dann tatsächlich das Glück den Vogel in seinem großen Nachtgehege zu erblicken. Ein ziemlich hässlicher Knilch, aber irgendwie ganz cool mit seinem zotteligen Federkleid und dem langen spitzen Schnabel, mit dem er ständig zwischen den Blättern auf dem Boden wühlt und (mit der an der Schnabelspitze liegenden Nase) nach Nahrung sucht. Es ist zwar nicht unbedingt offensichtlich, ein solches Wesen zum Nationaltier zu machen und sich sogar voller Stolz namentlich mit ihm zu identifizieren (wer glaubt einen Neuseeländer mit der Bezeichnung als "Kiwi" beleidigen zu können, könnte kaum falscher liegen), aber man muss zugeben dass es ein interessanter und insgesamt irgendwie sympathischer Vogel ist.
Die kaum erkennbare braune Kugel ist ein Kiwi im "Kiwi House" von Otorohanga |
Um das eigentliche Kiwi House herum gibt es einen Vogelpark, in dem man einige andere einheimische Arten sehen kann - teilweise Exemplare die verletzt aufgefunden und dort wieder aufgepäppelt wurden. Einige der interessanteren Vögel (wie z.B. die Keas, den Tui oder auch die immer paarweise auftretenden Paradise Ducks - wenn eine Hälfte des Ehepaares stirbt, hört die andere auf zu fressen und folgt dem Partner in den Tod) haben wir aber später noch in freier Wildbahn gesehen, was dann doch erheblich netter ist.
Matamata ist ein sehr unscheinbarer Ort mitten in einer von Schafszucht und sonstiger Landwirtschaft geprägter Region. Vermutlich würde auch kaum ein Reisender dort halt machen, wenn nicht ein gewisser Peter Jackson in der Nähe den optimalen Ort gefunden hätte, um für seinen "Herrn der Ringe" das Auenland, die Heimat der Hobbits nachzubauen. Das Set liegt in einigen Kilometern Entfernung von der nächsten öffentlichen Straße mitten auf einer sehr weitläufigen Farm der lokalen Familie Alexander. Diese offenbar recht geschäftstüchtige Familie bietet jedoch in Zusammenarbeit mit dem lokalen Tourismusbüro Touren zum Set an - eine solche buchen wir dann auch. Auch wenn der Preis mit 50$ pro Person recht happig ist, kriegt man immerhin einiges geboten: man wird von Matamata aus hingebracht, bekommt eine Infobroschüre und (zumindest in unserem Fall) eine sehr gut gemachte Führung. Der Weg zum eigentlichen Set führt über Schotterstraßen durch das weitläufige und sehr hügelige Farmgelände, wobei man ständig um das Leben der vielen Tausend Schafe fürchtet, die teilweise im letzen Augenblick vor dem Minibus wegrennen. Obwohl uns das Wetter an diesem Tag nicht besonders wohl gesonnen ist, stürzen wir uns dank passender Bekleidung unbeirrt, nach der Ankunft direkt ins Vergnügen.
Auch wenn die aufwändige Dekoration der Hobbithöhlen, die hübschen Türen und Fenster sowie die gepflegten Gärten natürlich nur kurzfristig für den Film existierten, und mittlerweile nur noch die rohen Holzfronten der Höhlen zu sehen sind, kann man sich doch dem Eindruck im Auenland zu sein nicht entziehen - ob es an dem Partybaum liegt, unter dem Bilbo seinen Geburtstag feierte und der ohne jegliche Spezialeffekte 1:1 so im Kino zu sehen war, wie er dort auf der Wiese steht, oder an den sattgrünen, weichen Hügeln, die sich soweit das Auge reicht erstrecken, oder aber an den vielen Hobbithöhlen die die Hänge der Hügel säumen an sich.
Die eigentliche Führung dauert fast zwei Stunden und man hat viel Zeit alles ausgiebig zu bestaunen und zu fotografieren, vor allem wenn man das Glück hat mit einer ganz kleinen Gruppe unterwegs zu sein - in unserem Fall sind wir insgesamt nur zu sechst. Unser Guide begleitet das ganze sehr motiviert und informativ, wobei er durchaus auch einige ironische Worte für die überschwängliche Begeisterung mancher Fans übrig hat, die z.B. ein Stück Kunststoff, das an einer Stelle aus dem Boden ragt an der früher eine weitere Höhle war, ausgiebig fotografisch dokumentierten.
Das Highlight der Besichtigung ist die Besteigung des Hügels hinauf zu Frodos Haus, von dem aus man einen sehr schönen Blick über das ganze "Auenland" hat. Dabei sieht man auch ein Zeugnis von Peter Jacksons Perfektionismus: die überreste der Eiche, die laut Buch über Bilbos und Frodos Haus thront und die im Film für ca. 2 Sekunden zu sehen ist: da es auf dem Hügel bedauerlicherweise keinen passenden Baum gab, wurde einige Kilometer entfernt eine Eiche zerlegt, und am Drehort für die Dauer der Aufnahmen wieder zusammengesetzt.
Blick aus Frodos Haus auf den Partybaum |
Insgesamt ist die Besichtigung für jeden, der die Verfilmung von "Herrn der Ringe" gut fand ein Muss: Es ist das einzige Set, auf dem noch tatsächlich Elemente die extra für den Film aufgebaut wurden, erhalten sind - überall sonst wurde nach den Dreharbeiten der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt. Und auch wenn der eine oder andere über den Rohbaucharakter der Höhlen, oder die Tatsache, dass es im Prinzip nur die Fassaden für die Außenaufnahmen waren (alle Innenaufnahmen entstanden im Studio) enttäuscht sein mag: einen stärkeren Hauch der Filmmagie hinter Peter Jacksons Werk wird man (außer vielleicht in Wellington) nirgendwo in Neuseeland zu spühren bekommen.
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